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SCHULD UND SCHULDEN

© Holger RieperMit der gegenwärtigen Krise in Europa gewinnt sowohl die Frage nach der ökonomischen und sozialen Funktion von Schulden als auch die Frage nach moralischer Schuld neue Relevanz, scheint doch die stetig steigende Verschuldung öffentlicher Haushalte zum legitimierenden Narrativ für den Rückbau von Demokratie und Sozialstaat zu werden.
Hat die neoliberale Ära bereits die Öffnung weiter Bereiche des gesellschaftlichen Lebens für den Markt erreicht, so gerät der demokratische Souverän und mithin die gesamte Gesellschaft in der aktuellen „Staatsschuldenkrise“ vollends in die Schuldknechtschaft der internationalen Märkte. In der Klassengesellschaft der Schuldenökonomie wird kein Unterschied zwischen Arbeitslosen, Pensionisten oder Angestellten gemacht – alle sind gleichermaßen schuldig gegenüber dem Kapital, das als „universeller Gläubiger“ (Maurizio Lazzarato) auftritt. Erst durch diese Verbindung der ökonomischen mit der moralischen Sphäre wird die enorme Wirkungsmacht des Schuldenmotivs ermöglicht – und der Charakter der gegenwärtigen kapitalistischen Ökonomie als Zivilreligion aufgezeigt. Die Krise erscheint so mehr als postdemokratische Herrschaftsform, in der Schulden zum Instrument der politischen und sozialen Kontrolle geworden sind, die gesellschaftliche Verhältnisse und soziale Beziehungen gleichermaßen prägen. Das Regime der Schuldenökonomie ermöglicht dem kapitalistischen System so eine verschärfte Ausbeutung nicht nur von Gesellschaften, sondern auch von natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit.
Die GARAGE X macht „Schuld und Schulden“ zum thematischen Leitmotiv für die anstehende Spielzeit 2012/2013. Obschon nicht jede Produktion einen direkten Zusammenhang zum Thema aufweist, wird die Auseinandersetzung mit Schuld und Schulden in vielen der im Folgenden vorgestellten Arbeiten eine Rolle spielen und durch eine Reihe von Diskussionsveranstaltungen ergänzt.



